Bis Ende November 2009 zeigen die Interkulturellen Wochen, wie Integration von beiden Seiten aus funktionieren kann
Auf der Bühne des Vaßbendersaals sang eine kleine russische Sängerin selbstbewusst und stimmsicher als Solistin des Balalaika-Orchesters, spanische Mädchen tanzten, temperamentvolle kaukasische Tänze machten Stimmung, die Trommeln der afrikanischen Gruppe Togo Vio schlugen den Rhythmus und Rahime Diallo von der Fachstelle Migration und Entwicklung des Ministeriums für Generationen und Integration von Nordrhein-Westfalen moderierte. Unten im Saal saßen Remscheider aus allen Fachrichtungen, Parteien, Kirchen, Wohnorten und Altersgruppen. Eine hoffnungsvolle Vision neuen, vergnügten, lebhaften und urbanen Lebens spürten die meisten: die Vision eines alle verbindenden Geistes, in dem sich Bürger aus allen möglichen Ländern der Welt zum gemeinsamen Wohl ihres Heimatortes verständigen.
Die traditionellen Interkulturellen Wochen in Remscheid - einer Stadt, in der mehr als ein Drittel der Einwohner aus Migrantenfamilien kommen und in der im letzten Jahr 44 Prozent aller Viertklässer eine Zuwanderungsgeschichte haben - sollen helfen, Problemen gemeinsam zu lösen. "Misch mit!" ist das diesjährige Motto, unter dem vier Wochen lang, bis Ende November 2009, Ereignisse in Kultur, Sport und Stadtpolitik die Menschen zusammenführen. Erwähnt seien nur als Beispiele das erste afrikanische Sport- und Kulturfestival im Bergischen Land am 10. Oktober und am 22. November das Theaterstück "Samanvaya" beim indischen Abend im Teo Otto Theater. Bei allen Veranstaltungen winken kulinarische Köstlichkeiten der Kulturkreise.
Wie sich Menschen als Neubürger in der "Einwanderungsstadt" Remscheid fühlen, wird in einer außerordentlich geglückten Veröffentlichung lebendig, die das Migrationsbüro Anfang dieses Jahres herausgab: 22 Zeitzeugen aus Zuwanderungsjahren von 1945 bis 1992 erzählen von ihren Erlebnissen, Ängsten und dem neuen Zutrauen, das sie in der neuen Heimatstadt fassen konnten. Die persönlichen Erinnerungen sprechen direkt und anrührend zum Leser und machen deutlich, wie häufig das Schicksal eines Lebens zwischen alter und neuer Heimat ist.
Das Leben zwischen den Welten wird in Zukunft noch viel prägender für die Städte der Welt sein. Im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung 2010 (IBA) mit dem Thema "Die anderen Städte - IBA Stadtumbau 2010" gibt die Edition Bauhaus seit dem vorigen Jahr eine Reihe von Publikationen heraus, die verschiedene Aspekte des Lebens in den Städten der Zukunft beleuchten. Besonders der Band "Stadt und Migration" macht die Chancen einer humanen Urbanität im multikulturellen Miteinander deutlich. Ein wenig davon ist in der Zusammenarbeit der vielen Menschen für die Interkulturellen Wochen in Remscheid zu spüren: Man kennt und man vertraut sich, spürt die neu wachsende Identität.
Dem Staunen der Einheimischen über das andersartige Leben der Zuwanderer, das noch in den 1980er Jahren die Auseinandersetzung prägte, ist in den meisten Fällen ein "normales" nachbarschaftliches Nebeneinander gefolgt, eine Normalität, die deutlich macht, dass es nicht die kulturellen Unterschiede sind, die die Probleme der Nicht- Integration verursachen, sondern die Probleme der sozialen Chancenlosigkeit, die vielfach den Zuständen entspricht, die die Zuwanderungsstädte im Wupperdreieck vor 200 Jahren schon einmal erlebten.
"Eine gute Grundlage für Integration ist das Mitmischen", schreibt Beate Wilding, Oberbürgermeisterin der Stadt Remscheid, im Grußwort zu den Interkulturellen Wochen. Dennis Staniolm, Vorsitzender des Jugendrates, möchte erleben, dass allen Kindern und jungen Erwachsenen der Stadt die gleichen Chancen "wie allen anderen" eröffnet werden.
Gisela Schmoeckel
Bergische Blätter 20.2009 Seite 6
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